Gesellschaft

Tradwives: Gefahr für die Emanzipation oder Hexenjagd der Neuzeit?

17. Juli 2026 · Susanne C. Hammer

Traditional Housewives, oder kurz eben Tradwives, polarisieren die Gesellschaft und landeten im August 2025 sogar auf der Titelseite des Spiegels, mit dem Titel „Traumjob Hausfrau? Warum Mütter sich wieder für Küche statt Karriere entscheiden“.

Die Autorin des Artikels beschreibt es als „gestrig“, dass „Hausfrauen das Wohl des Kindes über alles stellen“. Tradwives, die in der Küche für ihre Familie kochen und backen „erinnern einen an einen auf alt getrimmten Heimatfilm“. Das Hausfrauenleben oder die Reduktion auf Teilzeit würde eine hohe Armutsgefährdung im Alter auslösen. Ja, absolut valide Punkte, die nach wie vor öffentlich angegangen werden müssen, und zwar durch Prävention und sachliche Aufklärung der jüngeren Frauengenerationen. Stattdessen, wieder mal ein neu geformter Begriff, der sich zu Rabenmutter, Cappucinomutti und Co. reiht, für den es aber kein männliches Pendant gibt.

Der Begriff „Tradwife“ wirkt wieder weniger wie eine neutrale Beschreibung, sondern eher wie ein Label – eines, das schnell zur Schublade wird. Und in diese Schublade passen plötzlich alle Tätigkeiten, die über Generationen hinweg selbstverständlich waren. Der nährende, fürsorgliche, umsorgenden Teil der Mutter wird als Gefahr tituliert. Frauen, die für die Familie kochen und backen werden als rückschrittlich und unterjocht dargestellt. Nicht, weil Kritik an traditionellen Rollen per se falsch wäre, sondern weil sie oft pauschal dargestellt wird. Weil sie nicht mehr zwischen Zwang und Wahl unterscheidet.

Soll es zudem Ironie sein, dass dieser Artikel ausgerechnet im August rauskommt? In den langen Sommerferien, in der sich Karriere und Kinderbetreuung am schwersten verbinden lassen? Vielleicht ist es genau diese Diskrepanz, die triggert: die gesellschaftliche Erwartung von Selbstverwirklichung im Beruf – und die Realität eines Alltags, der ohne funktionierende Betreuungssysteme oft ganz anders aussieht.

Doch das ist ein eigenes Thema, und zwar für eine ganze Kolumne.

Bleiben wir bei den „Tradwives“ und wessen öffentliche Debatte mich insbesondere als Ernährungsberaterin stutzig macht:

Ich lese die prominenten Namen derjenigen Personen, die für Tradwives stehen. Darunter insbesondere zwei erfolgreiche Models, die mit Freude und Leidenschaft für ihre Familien kochen und backen und dies auf ihren Kanälen zeigen. Was mir jedoch auffällt, dass diese beiden Frauen alles andere als unterjocht, unselbstständig und in die Gefahr laufen in Altersarmut zu rutschen. Ihr Hauptvermögen stammt aus eigener Erwerbstätigkeit. Ich sehe zwei Frauen, die selbstbewusst zeigen, dass ausgewogene Ernährung durch eigene Handgriffe machbar ist. Wie man selber Schnitzel paniert, Brot backt und Milchprodukte herstellt. Content, von dem wir in unserem „Convenience Fast Food Alltag“ lernen können. Content, der mich als Ernährungsenthusiastin inspiriert.

Ein paar Monate später, höre ich einen Podcast zum Thema „Longevity“ und wie wichtig Spiritualität für die Gesundheit ist. Die Menschen seien heutzutage mehr denn je auf der Suche nach Sinn und Halt. Wieder kommt die so genannte Bewegung der Tradwives zur Sprache. Die Sehnsucht nach den alten, geordneten Rollen. Die damit verbunden Hoffnung auf weniger Mental Load, mehr Zeit und Ruhe. Die Zuhörer des Podcastes werden dazu aufgerufen sich jedoch von solchen Bewegungen in Acht zu nehmen. Die Tradwives würden nur unsere erreichte Emanzipation zerstören.

Ich lache oder weine gleich los, weil ich gerade selbst währenddessen in der Küche hinter dem Herd stehe. Hier stehe ich aber nicht, weil ich mich nach der alten Welt sehne, oder mehr Erfüllung, Ruhe und Ordnung suche. Sondern, weil seitdem ich selbst Kefir ansetze, Brot backe und Brühe koche, meine Kinder deutlich seltener krank sind. Weil paradoxerweise genau das mein Schlüssel für mehr Selbstbestimmung auch im Beruf ist. Seitdem ich mir die Zeit nehme, meine Familie gut zu nähren und zu versorgen, haben wir alle mehr Energie und können in unserem Alltag performant sein. Dieses stabile Fundament im Privaten ermöglicht Leistungsfähigkeit nach Außen. Das ist kein Widerspruch – sondern eine Wechselwirkung.

Zum Thema Kochen und Backen beobachte ich oft eine Doppelmoral:
Meal Prep für Fitnessziele? Absolut akzeptiert.
Aufwendig zubereitete Gerichte als Hobby am Wochenende? Bewundert. Aber täglich für die eigene Familie zu kochen? Ein neu auserkorenes Feindbild, das suggeriert rückständig, abhängig, nicht emanzipiert zu sein. Ein Lebensmodell aus einer anderen Zeit, dass man heute besser hinter sich lässt (und besser das Fertiggericht online bestellt). Und plötzlich geht es auf dem Spielplatz unter Müttern nicht mehr um selbstgebackenes Brot, sondern um Identität und Zugehörigkeit.

„Du machst das selber? Wie schön für dich, dass du die Zeit hast“, oder „Dafür haben wir schließlich nicht studiert“, heißt es dann. „Wir wollten doch nicht wieder am Herd landen.“ Wieder der Wink mit dem Zaunpfahl: Wer täglich kocht, ist unterdrückt. Es ist in meinen Kreisen schlichtweg uncool geworden: Keine Zeit, Keine Fähigkeit, Nicht mehr meine Aufgabe….

Und doch stehe ich genau dort oft- hinter dem Herd– freiwillig und selbstbestimmt. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Wissen.

Sobald Kinder essen können, übernimmt oft die Kita einen großen Teil der Versorgung. Zuhause gibt es Gläschen, Fertiggerichte oder schnell Aufgewärmtes. Parallel dazu reiht sich ein Infekt an den nächsten. „Ganz normal“, heißt es beim Kinderarzt.

Später, in der Schule, wird es besser. Nicht unbedingt, weil sich die Ernährung grundlegend verändert hat – sondern weil das Immunsystem irgendwann nachzieht. Beschwerden wie Heuschnupfen werden dann medikamentös begleitet, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Funktioniert ja.

Kommt dir das bekannt vor?

Dabei ist der Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit längst gut belegt. Eine frische, möglichst unverarbeitete Ernährung liefert mehr Mikronährstoffe, sekundäre Pflanzenstoffe und Ballaststoffe – alles entscheidend für ein stabiles Immunsystem, eine gesunde Darmflora und langfristige Prävention von Krankheiten.

Stark verarbeitete Lebensmittel hingegen enthalten oft mehr Zucker, ungünstige Fette, Zusatzstoffe und weniger Nährstoffe. Studien bringen einen hohen Konsum solcher Produkte mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung. Auch die Darmgesundheit – ein zentraler Faktor für das Immunsystem – leidet nachweislich unter stark verarbeiteter Ernährung.

Wenn du also wieder entscheidest, öfter hinter dem Herd zu stehen, dann ist das Selbstfürsorge und keine Unterdrückung. Es ist ein Fortschritt für dich und deine Familie, für eure Gesundheit vorzusorgen. Für mehr Selbstbestimmung und eine stabile Zukunft.

Und ob das Mutter und Vater, Oma oder Opa, oder die Haushaltshilfe ist, spielt überhaupt keine Rolle. Alle können es, alle dürfen es. Aber wir Frauen brauchen keine weitere Schublade, wenn wir unser Schnitzel selbst panieren!

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